Vorbemerkung (zum Bericht über Flucht und Internierung)
Bei diesen Aufzeichnungen - 1983 - lebte meine Mutter noch (sie starb im Juli 1985). Also konnte sie meinem Gedächtnis manchmal nachhelfen, je-doch sind meine Erinnerungen an diese Jahre sehr lebhaft. Meine Mutter hat auf der Flucht und in den Lagerjahren (und überhaupt) viel Energie bewiesen. Hätte sie sich jemals gehen lassen, wären wir nicht mehr weitergekommen. Daß in den Fluchtmonaten keiner von uns dreien ernstlich erkrankte, war auch ein Wunder. Allerdings hat meine Mutter es meinem Vater sehr verübelt, dass er ohne uns mit der Behörde aus Pillau abgereist war. Sie meinte, das habe er vorher gewusst, ihr aber nichts gesagt. Und dabei war er doch stets aufrichtig gewesen! Später (in Rendsburg) hat er sie aber überzeugt: von der weiteren Verlegung der Behörde aus Pillau habe er zuvor nichts gewusst, er konnte sich dieser behördlichen Anordnung auch nicht widersetzen. Hätte er das getan, hätte er auch sicher nicht 1 Monat auf uns warten können, sondern wäre alsbald wieder zum Volkssturm abgeholt worden (alle Männer zwischen 16 und 60 wurden dazu i.d. Regel eingezogen). Telefonische Verbindung von Pillau nach Königsberg gab es im Februar 1945 nicht mehr, auch hatten wir kein Telefon. Er war im 58. Lebensjahr, durch die Hungerjahre sehr geschwächt, hatte Arthrose und Herzschwäche und im Krieg fast 1 Ztr. Gewicht verloren - wir hatten keine Beziehungen aufs Land. Natürlich haben sie sich dann in Rendsburg vertragen. Dort wohnte mein Vater - bis wir im Oktober 1948 kamen - mit einem anderen Beamten zusammen in 1 Zimmer eines behördlichen Unterkunftsheimes. Die Wohnungsnot war damals noch groß. Daß wir 4 dann 1 Zimmer für uns hatten, war 1948 ein echter Fortschritt.
Ruth Henke, September 1996
Kastanienblüte im November
(Erinnerungen eines damals 10- bis 13-jährigen Kindes an Krieg, Flucht und Internierung in Dänemark)
Meine Mutter, Opa, meine Schwester und ich wurden Ende August 1944, zwischen dem 1. und 2. großen Luftangriff der Royal Airforce evakuiert. Der 2. Angriff traf auch unseren Tragheim schwer.
Als wir Anfang November 1944 von der Evakuierung im Ermland/Ostpr. (Peterswalde, 8 km von Mehlsack) in unsere ausgebombte Heimatstadt Königsberg zurückkehrten, roch es in den Straßen aus den Ruinen noch versengt und brandig, nach den schweren Bombenangriffen Ende August 1944. Abends fiel blasses Mondlicht durch die Trümmer der Häuser, und ich graute mich dann durch die Straßen zu gehen. Bei uns auf dem Tragheim standen viele Kastanien, rotblühende und weißblühende. Sie hatten jetzt im November kleine Blüten und Blätter angesetzt, aber nicht als Frühlingsboten - es waren Zeichen des Untergangs. Nicht durch laue Frühlingslüfte waren sie entstanden, sondern wider alle Natur waren sie durch die Brandhitze der Luftangriffe schon zur Unzeit ausgetrieben worden, Zeichen einer verkehrten Welt. Die Sommerblätter von 1944 waren versengt abgefallen. Im Frühjahr 1945 wird es keine Blätter gegeben haben. Ob später wieder?
Zunächst war alles noch trügerisch ruhig. Ich war gerade 10 Jahre alt geworden. Jeden Tag fuhr ich mit der Straßenbahn zur Ottokar-Schule nach Maraunenhof, denn unsere Herderschule war ausgebombt. Nach den Weihnachtsferien, Anfang Januar 1945, schickte mich mein Vater noch einmal zur Schule hinaus. Wir wussten nicht, ob noch Unterricht stattfinden sollte. Nach einigem Suchen fand ich dort den Hausmeister, der mich wieder nach Hause schickte. Schule sei nicht mehr, sagte er, es seien schon zu viele Lehrer und Schüler geflohen.
Wir blieben aber noch in Königsberg, und mein Vater fuhr jeden Tag mit der Bahn zum Büro in die Eichungsdirektion hinter dem Tiergarten (Hinden-burgstr.), denn die Regierung auf dem Mitteltragheim war ausgebombt. Vom Neubau standen dort nur die Außenmauern. Der stabilere Altbau war zwar ausgebrannt, aber Treppen und Flure hatten standgehalten. Ich besinne mich, wie ich an der Hand meines Vaters einmal durch diese Ruine streifte. Unser Wohnhaus in der Tragheimer-Pulver-Str. stand noch, nur auf dem Bo-den hatte es leichten Schaden durch Brandbomben erlitten. Ringsum aber lag fast alles in Trümmern.
Ende Januar 1945 wurde die Behörde meines Vaters, die Reichswasserstraßendirektion, nach Pillau evakuiert, „vorübergehend“ (hieß es). Bald aber verschlimmerte sich die wehrpolitische Lage. Die Russen besetzten die Gegend zwischen Königsberg und Pillau, bei Metgethen wurde gekämpft. Diese Strecke wurde später von den Deutschen vorläufig wieder freigekämpft. Mein Vater ließ uns einmal Ende Januar 1945 telefonisch Bescheid geben, wir sollten nach Pillau nachkommen. Wir, das waren: meine Mutter Erna (42 Jahre), meine Schwester Gisela (4 Jahre) und ich Ruth (10 Jahre). Meine Schwester hatte gerade eine fieberhafte Erkältung, deshalb konnten wir an diesem Tage nicht abreisen. Wir hätten sonst mit einem Lkw nachts von der Eichungsdirektion fahren sollen. Danach gab es keine Telefon-Verbindung mehr, und wir hörten von meinem Vater vorerst nichts mehr. Erst im Oktober 1948 sollten wir ihn wiedersehen. Mein Vater war damals zu Kriegsende 57 Jahre alt (Jahrgang 8/1887) und nicht der gesündeste. Deshalb war er auch nicht eingezogen, sondern nur einige Wochen beim Volkssturm in Litauen gewesen. Die Panzergräben bei Tauroggen, die er geholfen hatte auszuheben, waren längst von den Russen überrollt.
Die Stadt lag im Februar 1945 unter Beschuß. Einmal schlug eine Granate in die Ruine gegenüber ein, als ich gerade im Vorderzimmer spielte. Rötlicher Ziegelstaub erfüllte die Luft. Entsetzt rannte ich nach hinten ins Schlafzim-mer. Bombenalarm gab es nicht mehr. Vielmehr herrschte ständiger Alarm-zustand, eine Entwarnung wäre zwecklos gewesen. Meine Mutter ging nur noch in das nächste Lebensmittelgeschäft um einzukaufen. Ferner gingen wir aufs Parteibüro in unserer Straße um zu hören, „was los war“. Der Kon-takt mit diesem Büro war wichtig. Meine Mutter ließ sich dort für einen Trans-port mit Frauen und Kindern vornotieren, sie packte das Wichtigste in 2 klei-nere Koffer und 1 Rucksack. Ich weiß, dass ich mich in diesem Parteibüro sehr sicher fühlte. Wir hofften wohl noch, dass diese Partei, die ja „die Regie-rung“ vertrat, alles zu einem guten Ende bringen werde.
In unserem Haus herrschte ein Kommen und Gehen von Flüchtlingen. Es war ein großes, 4-stöckiges Haus mit Toreinfahrt und hohem Hausflur; auf dem Hof befand sich eine Malerwerkstatt. Mehrere Mieter waren schon geflohen. Parteifunktionäre öffneten die Wohnungen für die Flüchtlinge, die noch weiter von Osten kamen, sie öffneten auch die Keller der schon geflohenen Mieter und verteilten das Eingeweckte und andere Vorräte an alle im Hause. Das fanden wir richtig. Auch in unserer Wohnung hatten wir Flüchtlinge. Meine Mutter kochte für sie und schenkte ihnen noch Winterkleidung von meinem im November 1944 verstorbenen Großvater. Im großen Hausflur stand manchmal Vieh auf Stroh. Alle diese Leute treckten bald weiter. Von allen Hausbewohnern beschloß nur eine Frau, in Königsberg zu bleiben, sie besaß einen Hund, eine Katze und Wellensittiche. Sie blieb auch dort, und ich weiß nicht, was aus ihr wurde. Wir besaßen zum Glück 1945 kein Heim-tier. Jahre später hörten wir über Bekannte, dass unser Haus in der Tragh.- Pulverstr. Bei der Einnahme der Stadt durch die Russen abgebrannt ist.
In den Nächten hörten wir öfter dumpfes Trommelfeuer. Es klang wie aufzie-hendes Gewitter und machte uns ganz kribbelig. Die Menschen trösteten sich: Das sind die Deutschen. Es stimmte nicht immer. Eines grauen kalten Morgens, Ende Februar 1945, läutete ein Hitlerjunge bei uns. Wir sollten uns schnell fertig machen, nur Handgepäck mitnehmen und um 10 Uhr auf dem Trommelplatz sein (das war zu guten Zeiten unser Marktplatz, heute steht da „Mütterchen Rußland“), 15 Minuten entfernt, Richtung Nordbahnhof. Wir würden ins Samland umquartiert, sagte er. Schnell machten wir uns fertig, gossen alle Pflanzen, nahmen das vorbereitete Gepäck, sahen die Wohnung beim Verlassen kaum an – es sollte ja nur eine Umquartierung sein. Ich hatte den Tornister auf dem Rücken, ein großes Netz in der Hand. Schon auf der Straße, fiel mir ein: Teddy und Puppe holen. Puppe ins Netz gesteckt, Teddy unter den Tornister geschnallt, die Schwester und Koffer auf dem Schlitten, so zogen wir mit dem Gepäck zum Trommelplatz, wo sich viele Menschen versammelt hatten. Das Spielzeug hat die langen Jahre, Flucht und Internie-rung, gut überstanden. Beschossen wurden wir bei unserer Fahrt nach Pillau nicht. Ach, friedliche Zeiten, als auf dem Trommelplatz noch ein Pferd eine lange Reihe von Kinderschlitten zog, Blümchenkaffee in großen Töpfen zu „Minipreisen“ ausgeschenkt wurde und die einfachen Kuchen noch „5-Pfennig-Stücke“ hießen! Dahin, dahin!
An jenem Tage herrschte dort ein Wirrwarr von ängstlichen Menschen; ob es noch schneite, weiß ich nicht, aber es war ein trüber kalter Tag, es lag Schnee. Nach längerem Warten brachten uns Lkw’s zum Hafen, unser Ro-delschlitten blieb auf dem Trommelplatz stehen. Fortan musste meine Schwester (4 Jahre) laufen, und ich trug den kleinen Koffer.
Lastkähne nahmen uns auf. Als „Toilette“ wurden Eimer am Strick herabge-lassen. Erst bei Dunkelheit setzten sich die Kähne durch den Seekanal Rich-tung Pillau in Bewegung. In Pillau wurden wir in ein Kino eingewiesen. Wir schliefen auf dem Boden oder auf Koffern zwischen den Stuhlreihen. Die sa-nitären Verhältnisse waren mies, die Klosetts im Kino defekt oder verstopft. In den Straßen waren hinter Bretterzäunen Latrinen errichtet. Aber bei der ostpreußischen Kälte!
Wir setzten mit der Fähre übers Tief zum Russendamm über. Das Büroge-bäude, in dem mein Vater zuletzt gearbeitet hatte, stand leer. Ein Hauswart war noch da, die Behörde war längst mit einem betriebseigenen kleinen Schiff mit unbekanntem Ziel in See gegangen, Richtung Westen! Vielleicht zur nächsten Direktion in Swinemünde? Keiner wusste es. Jeden Vormittag fuhren wir mit der Fähre übers Tief, nur um in diesem Büro-Gebäude die saubere Kellertoilette zu benutzen und uns dort in Ruhe zu waschen. Beschuß herrschte hier Ende Februar 1945 (noch) nicht. (Die Wehrmacht, ins-bes. die Marine, sorgte für den Transport der Flüchtlinge.) Verpflegt wurden wir auf der Flucht immer von der Wehrmacht, nie brauchten wir zu hungern. 3 Tage etwa blieben wir im Kino, dann wurden wir dem Hilfskreuzer „Möwe“ zugewiesen, einem umgebauten Frachter. Das Kino wurde geräumt. Das Einschiffen am Hafen vollzog sich in Ruhe. Ich kann mich an Schreien und Stoßen nicht erinnern; auch nicht, dass Familien durch die Wehrmacht ab-sichtlich getrennt wurden (wie andere jetzt sagen). Bei uns war es jedenfalls nicht so. Vielleicht später (?) Wie ich später dem Buch „Sie kamen übers Meer“ entnahm, muß die „Möwe“ der Argo-Reederei in Bremen gehört haben (1.310 BRT).
Auf unserem Schiff waren Menschen jeden Alters, beiderlei Geschlechts. Jüngere Männer fehlten natürlich, da diese alle eingezogen waren oder noch wurden. Im Unterdeck lagen verwundete Soldaten. Beim Besteigen der „Mö-we“ erhielt jeder ein Paket mit Brot und Speck als Notration Im übrigen be-kamen wir Verpflegung, auch Suppen, von der Mannschaft. An Bord konnten wir uns waschen und die Toiletten benutzen. Wegen starken Sturms konnte die „Möwe“ aber vorerst nicht auslaufen. Eine Nacht schliefen wir auf dem Schiff, halb im Sitzen. Die beiden nächsten Nächte verbrachten wir „privat“ bei der Frau eines Kollegen meines Vaters auf dem Russendamm, deren Haus noch stand. Sie nahm uns freundlich auf und bewirtete uns morgens mit Marmeladenbroten und Kaffee.
Der Sturm war so stark, dass sogar die Fähre Mühe hatte, die andere Seite des Tiefs zu erreichen. In der 4. Nacht flaute der Sturm ab, und der Kapitän riet uns, an Bord zu bleiben. Das war gut, denn mitten in der Nacht legte die „Möwe“ ab. Es schaukelte ziemlich, und viele wurden seekrank (ich diesmal noch nicht). Langsam fuhren wir Richtung Danzig. Einmal hielt das Schiff an, es waren Flieger in der Luft. Nach einer Zeit der Angst stampften wieder die Maschinen, und weiter ging es. In Danzig-Neufahrwasser wurden wir ausge-schifft und kamen für eine Nacht in riesige Lagerhallen mit sauberem Stroh. Am nächsten Morgen wurden wir mit Güterwagen nach Gotenhafen transpor-tiert, und nächtigten vorerst in einer grässlichen Schiffshalle, kamen dann per Lkw zu einem Kino im Vorort Grabau. Dort blieben wir fast 3 Wochen, und beinahe hätte unsere Flucht dort ein schlimmes Ende genommen. Meine Er-innerungen an diese 3 Wochen sind nur wie Schlaglichter: Schneematsch, kalte Füße, zuletzt Märzsonne (aber keine Freude am Vorfrühling, da immer in Angst), Knattern der Bordwaffen der Tiefflieger gegen die Kinomauern, „Tannenbäume“ am dunklen Himmel, tote Pferde nach Fliegerbeschuß, er-hängte Soldaten im Morgengrauen (Fahnenflucht, Standgericht).
Letzter Film „Der Tanz um den Stephansdom“, letzte Einkäufe auf Lebens-mittelkarten: Nähgarn; letztes Essen in einer winzigen Gaststätte: Kartoffeln mit Kapernsoße. Ein verlassenes Parteibüro, die goldfasanfarbenen Mäntel hingen an den Haken, die „Herren Genossen“ waren lieber in Zivil geflohen. Ein Briefkasten hing schief an der Mauer. Meine Mutter steckte eine Postkar-te an ihre Kusine bei Magdeburg ein. O wunderbar zuverlässige Reichspost! Die Karte kam an, und mein Vater erfuhr später von der Kusine, dass wir wenigstens bis nach Gotenhafen gekommen waren. Ende März 1945 wurde das Kino geräumt. Der Russe war nur noch 3 km weg!
Lastwagen brachten die Leute zum See-Hafen Oxhöft. Zuletzt kamen die Lkw’s jedoch nicht wieder, und da saßen wir nun. Ringsum lagen große, bis-lang unzerstörte Wohnblocks, die Bewohner darin z.T. sog. Volksdeutsche, die nicht fliehen wollten. Im gegenüberliegenden Haus fanden wir eine Nacht im Keller Unterschlupf. Am nächsten Morgen war unser kleiner Wäschekoffer gestohlen. Wir hatten ihn auf Anraten eines Bewohners oben in einer Woh-nung abgestellt, weil im Keller wenig Platz war. Niemand wusste etwas, viel-leicht wirklich nicht, denn es herrschte ein Kommen und Gehen. Der Wä-scheverlust war hart. Aber wer weiß, wie weit wir den Koffer noch hätten tra-gen können.
Jetzt geschah, was meine Mutter nach Jahren noch als Wunder ansah. Eine Stimme rief: War da nicht eine junge Frau mit 2 kleinen Kindern, die zum Seebahnhof wollte? Wer das eigentlich rief, wusste sie nicht. Ein kleiner Panzer fuhr zur Reparatur und nahm uns drei samt Gepäck mit in Richtung Oxhöft. Ein anderer schleppte ihn ab. Er fuhr durchs Frontgebiet, und unter-wegs wurde er einmal beschossen. Der Fahrer versteckte sich unter dem Panzer, wir krochen innen eng zusammen. Schließlich setzte er uns ab, zeig-te die Straße entlang und sagte, da ginge es nach Oxhöft; dann bog er um die Ecke. Wir zogen bei Sonnenschein mit unserem Gepäck etwa ½ Stunde dahin. Als wir die ersten Häuser von Oxhöft erreichten, kamen feindliche Flieger. Schnell gingen wir ins nächste Haus hinein. Dort war eine militäri-sche Meldestelle, eine freundliche Frau, wohl eine Volksdeutsche, bot sogleich Nudelsuppe an. Sie sagte, sie bekäme die Zutaten von der Wehr-macht, um für Flüchtlinge zu kochen. Danach zogen wir ungestört weiter zum Hafen und übernachteten dort in einem Hochbunker. Am nächsten Morgen setzten wir mit der Fähre übers Hafenbecken. Wir hatten gehört, drüben würden Flüchtlinge weitertransportiert. Wir versteckten uns in Schiffshallen, weil Flieger kamen und mit Bordwaffen schossen. Wir krochen unter abge-stellte Boote, und meine Mutter betete laut ein Vaterunser. Als die Flieger fort waren, gingen wir zum Kai. Dort lagen Mengen von Kleidung, Bettwäsche und Bettzeug herum, aufgegangene Koffer. Alles war herrenlos, die Flücht-linge hatten es nicht mehr tragen können. Jeder hätte sich bedienen können, aber niemand tat es. Alle waren nur darauf bedacht, mit ein bisschen Hand-gepäck zu den Kuttern zu gelangen, um ihr Leben zu retten. Ich steckte schnell 2 Muskatnüsse ein, die hatten wir noch jahrelang.
Die Kaimauer war hoch, ich hatte Angst zu springen. Schließlich packte mich ein Soldat, ein anderer griff von unten zu, und ich landete im Kutter Die Ha-fenausfahrt lag unter Beschuß. Immer während einer Feuerpause fuhren ei-nige Kutter schnell auf See hinaus. Unser Kutter schaffte es auch. Die Fahrt ging nach Hela. Die See war wie ein Spiegel, der Himmel blau, ein schöner, warmer Frühlingstag Ende März 1945. Es hätte eine Spazierfahrt sein kön-nen bei „schönem Damenwind“, wie die Fischer im Ostseebad Cranz sagten. Aber niemand an Bord des voll besetzten Kutters zeigte die geringste Freu-de. Keiner kannte den anderen. Die Gesichter waren verschlossen. Vor Hela kamen wir an mehreren großen Schiffen auf Reede vorbei, eines davon die „Monte Rosa“, ein weißes Lazarettschiff. In Hela fanden wir Unterschlupf im ausgeräumten Kohlenkeller eines Miethauses. Dort war es sicherer als in den oberen Etagen, denn ständig kamen Fliegerangriffe.
Essen teilte die Wehrmacht zu. Wir trafen mit einer älteren ostpreußischen Frau zusammen, die mit einem 14-jährigen Jungen aus ihrem Dorf auf der Flucht war. Sein Vater war Soldat, die Mutter tot. Der Junge war sehr prak-tisch und umsichtig. Er hatte von zu Hause noch Vorräte an Grieß und Hafer-flocken. Die alte Frau kochte oben in einer der verlassenen Küchen (alle Wohnungen waren geöffnet) Suppe. Der Junge gab meiner Mutter immer davon für mich und meine kleine Schwester ab. Er paßte auch stets aufs Gepäck auf, sonst wäre unser zweiter Koffer auch noch gestohlen worden. Bis ins erste Lager in Dänemark blieben wir noch zusammen. Die Flüchtlinge wurden nach und nach eingeschifft, aber der Hafen lag unter Beschuß, und es soll Tote gegeben haben. Wir blieben meist in unserem Keller, schlichen höchstens mal zur Kommandantur, dicht an den Häusern entlang. Einmal sah ich in eine größere Kirche, sie war mit Flüchtlingen voll belegt. Sie saßen auf den Bänken und lagen auch dazwischen. Ich glaube, wir waren eine knappe Woche in Hela. Eines Nachmittags wurde unser Haus zur Abfahrt aufgerufen. Draußen war es trübe und neblig. Das war ein großes Glück, denn so wurden wir nicht beschossen. Bei Nebel fanden die Tiefflieger ihre Ziele nicht. Ein Marine-Landungsboot brachte uns zu einem großen Schiff. „Vale“ stand am Bug, es lag wie ein schwarzer Koloß über uns. Ein Fallreep hing herab. Mit Megaphon rief ein Mann von oben, das Schiff sei voll belegt und könne niemand mehr aufnehmen. Das Landungsboot fuhr weiter und setzte schließlich seine Menschenfracht auf einem kleinen Minensuchboot ab, das dem Geleitzug vorausfahren sollte.
Meine Mutter sagte später immer, sie habe die kleinen Schiffe bevorzugt, denn die großen Pötte wurden als erste beschossen. Tatsächlich aber wur-den wir nicht gefragt, welches Schiff uns zusage. Wir mussten es so neh-men, wie es kam. Sobald ich heute ein Minensuchboot sehe, muß ich immer an jenes denken, das uns sicher nach Kopenhagen brachte. Bei Einbruch der Dunkelheit am Karfreitag 1945 setzte es sich in Bewegung und fing bald heftig an zu schaukeln. Ich war fast die ganze Fahrt über seekrank wie die meisten. Meine Mutter raffte sich einmal auf, um nach oben zu gehen, als es hieß, wir führen hinter der Insel Rügen vorbei. Sie wollte wohl einen Blick dahin werfen, wo wir früher unbeschwerte Ferien verlebt hatten. Sie sah im Morgengrauen nicht viel. Schon in Hela, noch auf Reede, fanden wir auf die-sem M-Boot eine gute, alte Bekannte aus Königsberg wieder, „Tante Mal-chen“, fast 70. Ihr Mann war Trauzeuge meiner Eltern gewesen. Wir blieben fortan zusammen. Ich hörte auf einmal ihre unverkennbar ostpreußische Stimme. Ich sah sie noch gar nicht und sagte zu meiner Mutter: „Hör mal, redet da nicht Tante Malchen?“ Sie war es. Sie besaß fast bloß noch, was sie auf dem Leibe trug, der Rest war in Gotenhafen gestohlen worden. Das Boot fuhr die ganze Nacht, den nächsten Tag und wieder in die Nacht. Der ganze Geleitzug gelangte sicher nach Dänemark. Erst unterwegs sprach es sich herum, wohin die Fahrt ging. Im Schutze der dänischen Hoheitsgewäs-ser legte sich der Seegang. Der Öresund war erreicht. Dies war die Os-ternacht vom 31.3. auf den 1.4. 1945. Ein Matrose schenkte meiner Mutter ein altbackenes Kommissbrot und eine Dose Blutwurst und sagte: „Nehmen Sie nur, Frau, wer weiß, wann Sie wieder Brot kriegen.“ Ein anderer briet meiner Schwester noch ein Spiegelei, weil sie so dünn aussah.
Mitten in der Osternacht wurden wir in Kopenhagen ausgeschifft und in Lkw’s zu einer großen, modernen Berufs-Schule, dem Lager 52, Kaersangervej, der Vibe-Schule, transportiert. Wir sanken dort aufs Stroh und schliefen uns aus. Am Ostersonntagmorgen erwachte ich, sah den blauen Himmel und freute mich daran. Von nun an brauchte ich nicht mehr zu fürchten, dass Bomben fallen oder Tiefflieger uns beschießen würden. Seit Jahren schien der Himmel nur noch als Element zur Aufnahme von Flugzeugen zu dienen, und sobald eins auftauchte, dachte man: Freund oder Feind? Diese „Verän-derung des Himmels“ ist mir am stärksten in Erinnerung, wenn ich das Kriegsende beschreiben soll. Solange ich mich zurückerinnern konnte, war immer Krieg gewesen. Den Zustand und das Empfinden des Friedens hatte ich vergessen. Der Krieg endete zwar erst am 8. Mai 1945, in Dänemark schon am 5. Mai 1945 mit dem Einzug der Engländer. Für uns endete er in Kopenhagen aber praktisch am 1. April 1945, dem Ostertage.
Lagerleben Nr. 52 in Kopenhagen
Als ich am 1. April 1945 aufwachte, sagte ich zu meiner Mutter, wir sind unter Ausländer geraten! Ich verstand kein Wort von der Unterhaltung der Zimmer-genossen. Es waren Landleute aus dem Kreise Stolp, und sie sprachen pommersches Platt. 2 Jahre später verstand ich dann alles, denn wir blieben überwiegend zusammen. Ostern gab es Nudeln mit Milch, meine Mutter schnitt das alte Kommissbrot an, das der Matrose ihr geschenkt hatte. Sie öffnete die Dose mit der Wurst.
Vorerst waren in Dänemark noch die Deutschen als Besatzung an der Macht. Deshalb konnten wir uns frei in der Stadt bewegen. Wir machten aber nicht viel Gebrauch davon. Meine Schwester erkrankte bald. Sie steckte sich mit Masern an, bekam dann Lungenentzündung. Meine Mutter lieh sich einen Kinderwagen und fuhr mit ihr einige Male zum Militärlazarett. Ins Kranken-haus wollte sie sie nicht geben, dort sind viele Kleinkinder wegen schlechter Pflege gestorben. Die Kapitulation am 8. Mai 1945 erlebten wir so: Am spä-ten Nachmittag kam ein Zimmergenosse, pensionierter Oberförster, Mitte siebzig, herein und sagte: „Meine Herrschaften, Deutschland hat aufgehört zu existieren.“ Gegen Abend stellten die Dänen vor Freude brennende Ker-zen in die Fenster gegenüber! Jeden Abend wurde in den folgenden Tagen im Tivoli Freudenfeuerwerk abgebrannt. Wir konnten das von den höher ge-legenen Stockwerken der Schule beobachten. Die deutschen Wachtposten zogen ab, dänische marschierten auf. Das Lagertor schloß sich. Ausgang gab es nur noch auf Passierschein. Nachts wurde in den Straßen geschos-sen, denn nach dem Abzug der Deutschen konnten sich die Dänen offenbar nicht einigen, wer die Regierungsgewalt übernehmen sollte! Eine der kämp-fenden dänischen Gruppen nannte sich „Freiheitskämpfer“, dies war aber nur in den ersten Tagen nach der deutschen Kapitulation.
In unserer Verpflegung trat durch den 8. Mai 1945 eine kleine Stockung ein; dann klappte es wieder. Das Essen war nicht gut, wir haben oft gehungert, aber verhungert ist niemand. Wohl starben im Jahre 1945 noch viele Men-schen, besonders Säuglinge und Kleinkinder, auch alte Menschen, an den Folgen der Strapazen der Flucht und an Krankheiten, die sie sich unterwegs zugezogen hatten: an Typhus, Lungenentzündung, Durchfällen.
Im Lager 52 gab es keinen geordneten Schulbetrieb, auch keine Kirche. Das Essen bestand mittags stets aus Eintopf, sonntags und mittwochs aus Milch-suppe mit Nudeln, sonst Gemüsesuppe von Dörrgemüse (2 x mit Fleisch ge-kocht, 3 x ohne Fleisch). Als es Sommer wurde, schlichen manche schon im Morgengrauen auf die große Schulwiese und sammelten junge Löwenzahn-blätter als Feldsalat. Irgendwoher mussten Vitamine kommen! Brot blieb stets knapp. Aber in den ersten Wochen nach der Kapitulation ging es den Dänen selbst schlecht. Manchmal gab es Riesenscheiben Knäckebrot. Das schmeckte zwar gut, sättigte aber wenig. Einmal haben wir bis nachts auf 2 Pellkartoffeln pro Person gewartet. Der deutsche Lagerleiter konnte aus Wehrmachtsbeständen ein paar Säcke große runde Schiffszwiebäcke aus bestem Weizenmehl auftreiben. Ein kleiner Fehler: sie waren nicht frei von Mehlwürmern. Er schlug vor, sie trotzdem mit Milch aufgebrüht für die kleinen Kinder auszuteilen. Die Mehlwürmer würden dann oben schwimmen und könnten schon in der Küche abgeschöpft werden. Die Kinder brauchten sie gar nicht zu sehen. So geschah es auch mit dem Einverständnis aller Mütter. Eigentlich war ich für den Genuß dieser leckeren Suppe schon zu alt (mit meinen 10 Jahren). Meiner 4-jährigen Schwester stand sie zu. Da sie aber an Durchfall litt, durfte ich ihre Ration essen. Einen Wurm habe ich trotz Su-chens nicht gefunden.
Meine Mutter hatte noch vor dem 8. Mai 1945 in Kopenhagen bei einem Juwelier einige silberne Teelöffel (die sie aus unserer Küchenschublade mitge-nommen hatte) und einen ihrer beiden Brillantringe verkauft. Viele Kronen hatte sie nicht dafür bekommen. Sie kaufte dafür vorwiegend Eier, Pudding-pulver und Nährmittel für mich und meine Schwester. Einmal fand sie im Rinnstein einige Lebensmittelmarken, ein großes Glück. Vor der Kapitulation konnte man - vorausgesetzt, man hatte dänisches Geld und ggf. auch Le-bensmittelmarken - als Deutscher anstandslos einkaufen. Danach war es eigentlich verboten, an Deutsche zu verkaufen. Es war ja danach sowieso schwierig, mal aus dem Lager zu kommen. „Ihre“ Bäckerfrau verkaufte ihr aber trotzdem etwas, nur musste sie warten, bis niemand im Laden war. Der Frau tat wohl meine Schwester leid, meine Mutter fuhr mit dem Kind auch nach dem 8. Mai 1945 mit einem geliehenen Kinderwagen zum Krankenhaus zum Arzt. Sie bekam dann einen Passierschein. Die Bäckerfrau handelte mit Risiko. Sie verstieß gegen das „Fraternisierungsverbot“, und das war damals strafbar. Frater ist lateinisch und heißt Bruder. Im Nächsten aber den Bruder zu sehen, war ein Vergehen. Da gab es nur Freund, Feind; Sieger, Besiegte. Im ganzen gesehen muß ich aber sagen, die Dänen haben uns anständig behandelt. Wer hat sie gezwungen, Zigtausende von Flüchtlingen zu behal-ten und zu verpflegen, die gegen den Willen der Dänen ins Land transpor-tiert worden waren? Die Deutsche Bundesregierung hat dem Dänischen Staat dafür zwar später eine Entschädigung gezahlt, aber das stand zu jener Zeit noch nicht fest. Uns selbst ist für die 3 ½ Jahre Unterkunft und Verpfle-gung später in Deutschland nie etwas abverlangt worden. Wir verlernten es vorerst völlig, mit Geld zu rechnen. Der Leser kann es sich unschwer ausma-len, wie es uns ergangen wäre, wären wir unter Russen oder Polen geraten!!
Gottesdienste wurden im Lager 52 noch nicht gehalten. Einen Pfarrer gab es in diesem Lager nicht. Zwei fromme katholische Schwestern, Nonnen vom Orden der Grauen Schwestern, aus Königsberg geflohen, hielten Andachten. Wir gingen gerne hin. Diese beiden kümmerten sich auch rührend um die Kranken. Eine steckte sich dabei mit Typhus an, wurde aber wieder gesund. Die Dänen hatten panische Angst vor Typhusepidemien. Deshalb wurden die Lagerinsassen, auch später in Oksböl, regelmäßig gegen Typhus geimpft. Diese Spritzen in die Brust waren recht unangenehm, am nächsten Tag lag immer die ganze Stube krank. Aber so blieben wir von dieser Seuche jedenfalls vorschont.
Schon im Lager 52 fing das kulturelle Leben wieder an: Dichterlesungen, Vorträge. Eine Gouvernante von einem großen Gut begann einen Englisch-kursus für Anfänger. Ich ging gleich zu ihr hin. Eigentlich sollte ich seit Ostern 1945 schon in der Luisen-Oberschule in Königsberg lernen, wo ich angemel-det war. Stattdessen hatte ich seit Weihnachten 1944 „Ferien“. Näheres über den Schulbetrieb schreibe ich im Kapitel über die Lagerschulen.
Im Lager 52 blieben wir bis Anfang Oktober 1945. Einige Male gab es „Raz-zia“. Dann mussten alle auf dem Hof antreten, während die Polizei alles durchsuchte. Angeblich waren sie scharf auf Fotoapparate und manche Wertsachen. So etwas besaßen wir nicht. Uns ist dabei nichts gestohlen worden. Es kann sein, dass sie auch bestimmte politisch verdächtige Perso-nen suchten, evtl. auch Waffen.
Regelmäßig wurden die Menschen und auch die Räume entlaust und ent-wanzt, die Toiletten mit Chlorkalk desinfiziert. Vorerst kannten wir solch klei-ne Tierchen nur vom Hörensagen. Aber später im Lager 13 und in Oksböl machten wir leider auch praktische Bekanntschaft mit diesem Viehzeug; es war ein ständiger Kampf, der erst in Deutschland endete.
Lagerschulen
Es ist zu bewundern, wie das kulturelle Leben in den dänischen Flüchtlings-lagern (die ich kenne: 2 in Kopenhagen, dann Oksböl in Jütland) unter den vergleichsweise primitiven Verhältnissen stets geblüht hat. Dazu gehört auch die Schulausbildung. Im Lager 52 in Kopenhagen (1. April bis Oktober 1945) gab es zwar noch keinen geregelten Schulbetrieb, auch keine Kirche. Es fand aber ein Englischkursus statt (s.o.). Ein Dorflehrer, Witwer mit 5 Kindern, sammelte alle schulpflichtigen Kinder (soweit sie Lust hatten) im Physiksaal der Schule und erteilte mündlichen Unterricht in Grundschulfächern. Außer etwas Kreide gab es sicherlich kein Unterrichtsmaterial, soweit wir nicht Schulbücher, Hefte und Schreibzeug über die Flucht gerettet hatten. Ich hatte meinen vollen Schulranzen mitgenommen. Einmal sagte er: „Ich weiß, ihr habt Hunger. Ich habe auch Hunger. Aber wenn ihr bloß in euren Zimmern sitzt, denkt ihr immer nur ans Essen. Es ist besser, wir setzen uns zusammen und machen etwas Unterricht. Ich gebe euch auch nichts auf.“ An ein Wochenende besinne ich mich aber, wie ich auf der großen Wiese saß und bis Montag das ganze Gedicht „Frau Sorge“ von Hermann Sudermann auswendig lernen musste; es ist sehr lang. Einige junge Mädchen beschäftigten sich mit kleinen Kindern, in der Art eines Kindergartens, im Freien.
Im Herbst 1945 wurden wir ins Lager 13 in der Holstengade in Kopenhagen umquartiert. Sie liegt in der Hafengegend. Wir vermissten sehr die große grüne, baumumstandene Lagerwiese. Dies hier war eine ältere Schule. Hier gab es nur einen kleinen gepflasterten Schulhof, von hohen grauen Mauern umgeben. Die Mauern waren mit wildem Wein berankt. Früh morgens mach-ten wir uns einen Spaß daraus, die schönsten roten Blätter zu finden, die nachts herabgefallen waren. Hier begann ich auch, Faltschnitte aus Papier zu machen und sann mir immer neue Muster aus. Wir falteten auch sog. „Wasserbomben“ aus Papier, füllten sie mit Wasser und warfen sie dann schnell von oben auf Leute, die im Schulhof herumspazierten! Leider kann ich diese „Bomben“ heute nicht mehr falten! Man verlernt manches.
In Oksböl, als ich besseres Papier bekam, verlegte ich mich auf Scheren-schnitte mit Motiven von Blumen. Auch „Lebensbäume“ waren beliebt. Ich brachte es darin zu einiger Fertigkeit. Ferner eignete ich mir aus dem Neuen Testament, das im Lager verteilt wurde (amerikanische Spende), die goti-sche Druckschrift an. Wie manchen Glückwunsch habe ich so auf Bestellung angefertigt! Ein Scherenschnitt, dazu ein schöner Spruch; denn wertvolle Geschenke waren im Lager nicht möglich. Als Lohn erhielt ich manchmal Naturalien von Glücklichen, die ein Paket aus Amerika bekamen (z.B. ein Schinkenbrot, echten Kaffeesatz, noch gut für den 2. Aufguß).
Im Lager 13 wurde bereits richtiger Schulunterricht abgehalten, und zwar von einer älteren Lehrerin und ihrer jüngeren Tochter, Frau und Frl. Mozarski. Sie waren sehr streng, und für die älteren Jungen setzte es oft Schläge, was damals durchaus üblich war. Die Schule fand in einem großen Kellerraum statt, der aber Fenster hatte, die noch zur Hälfte über der Erde lagen. Dort wurde auch richtiger Gottesdienst gehalten. Wir Kinder saßen dabei auf den Fensterbänken, weil auf den Stühlen kein Platz war. Ich weiß noch, dass ich damals von diesen Gottesdiensten, bei denen auch viel gesungen wurde, sehr ergriffen war.
Meines Erachtens am 13. Dezember 1945 (jedenfalls ein paar Tage vor dem Geburtstag meiner Mutter Mitte Dezember) - es war ein milder Winter - wur-de das Lager 13 aufgelöst, und wir wurden alle ins Lager Oksböl bei Esbjerg in Jütland verlegt. Unsere alte Bekannte, die wir auf dem Minensuchboot ge-funden hatten, schloß sich uns weiter an. Sie fungierte quasi als Oma für uns, meine echten Großeltern waren tot.
In Oksböl besuchte ich zunächst eine Mittelschule, ab Frühjahr 1946 dann eine Oberschule für Jungen. Das war ein besonders glücklicher Umstand. Das Berliner „Humboldtgymnasium“ war im Wege der Kinderlandverschi-ckung aus dem bombengefährdeten Berlin nach Oksböl evakuiert worden. Nun saßen alle Schüler und Lehrer dort fest. Die Lehrerfrauen sorgten für die Jungen, d.h., sie wuschen und nähten für sie. Das Essen lieferten die Groß-küchen. Meine Mutter meldete mich in der Schule an, und ich konnte 1946 gleich in die Quinta einsteigen. Etwas Englisch hatte mir die Gouvernante in ihrem Kursus in Kopenhagen beigebracht. Hier nun begann als 2. Fremd-sprache sogleich Latein, und das gefiel mir gut. Der Lateinlehrer Dr. Som-merfeld aus Berlin, ein älterer Herr mit rotem, schütterem Haar, unterrichtete uns auch in Mathematik. Abgesehen von diesen trockenen Stoffen spielte er gut Klavier. Er gab Klavierabende in der nahen E-Küche, die meine Mutter und ich besuchten. Dr. Sommerfeld verdanke ich die grundlegenden Kennt-nisse der lateinischen Sprache und auch die Liebe zu dieser Sprache. Bei-des hat sich bis heute gehalten. Zuletzt unterrichtete uns die hübsche junge Frau Geiger in Latein und Deutsch, bei der wir, ihr zuliebe, gut gelernt haben. Lernmaterial war natürlich sehr knapp. Physik- und Chemieunterricht konnte nur theoretisch, an der Wandtafel, stattfinden. Bleistifte wurden halbiert ver-teilt, Vokabelhefte aus dem glatten Klopapier angefertigt. Später schickte mein Vater aus Deutschland Tintentabletten zum Auflösen.
Weil Papier knapp war, wurde niemand zum Zeichenunterricht gezwungen. Zeichnen fand freiwillig am Nachmittag als Kursus statt. Da ich gerne pinsel-te, nahm ich daran teil. Meine Zeichnungen, die vorwiegend das Lagerleben darstellten, habe ich bis heute als „Raritäten“ aufgehoben.
Musikunterricht erteilte Frl. Liedtke, eine alte Klavierlehrerin, Mitte 70, im Ne-benraum der F-Küche auf einem verstimmten Klavier. Sie war schon recht schwerhörig, und die Schüler tanzten ihr auf der Nase herum. Noten lesen habe ich bei ihr nicht gelernt, sondern erst viel später aus eigenem Antrieb.
Inzwischen hatte mein Vater uns über das Rote Kreuz gefunden. Er war in Lübeck gelandet und jetzt in Rendsburg bei seiner Behörde beschäftigt. Er schrieb aus Rendsburg, dort sei Französisch (nicht Latein) die 2. Fremdspra-che. Ich war also fast 2 Jahre mit Französisch im Rückstand! Wieder ergab sich eine glückliche Fügung: Wir erfuhren von einer alten, vornehmen, russi-schen Dame (Anfang 70), gebürtig von der Krim, die im Lager lebte und gern privat französisch unterrichten wollte. Sie sprach mehrere Sprachen, Franzö-sisch jedenfalls fließend, Deutsch einigermaßen. Madame Sch. nahm mich und noch ein Mädchen aus unserer Baracke unter ihre Fittiche und bemühte sich mit Erfolg, uns Französisch beizubringen. Wir saßen dabei in dem klei-nen Einzelzimmer einer anderen Familie. In unserem großen Raum mit 15 Personen wäre der Unterricht störend gewesen. Meine Mutter „bezahlte“ die alte Dame mit Zigaretten, der „Lagerwährung“. Alle Arbeitenden erhielten Zigaretten. Meine Mutter arbeitete in der Küche. Weder sie noch die alte Dame rauchten. Die Zigaretten waren aber allen hochwillkommen, um damit kleine Handreichungen zu bezahlen; z.B. die alten Männer, die allerlei Haus-haltsgeräte anfertigten: Siebe, Reibeisen, Kochtöpfe, Brettchen, Kochlöffel, Holzschlorren.
Ich habe bei der alten Russin ganz gut gelernt, obwohl sie kein Lehrbuch besaß, sondern alles „aus dem Handgelenk schüttelte“. Später aus Rendsburg habe ich zunächst noch mit ihr französisch korrespondiert. Sie war, da sie keine Angehörigen mehr besaß, in ein Altersheim auf der schwäbischen Alb entlassen worden. Nach ein paar Jahren starb sie dort.
Mit 13 Jahren meldete meine Mutter mich im Lager zum Konfirmandenunter-richt an. Den erteilte im 1. Jahr eine Religionslehrerin, Frau Schalla. Soviel wie bei dieser Dame habe ich spät er beim Pastor in Rendsburg nicht mehr gelernt. Sie gab uns viel zum Auswendiglernen auf und war streng. Das hat mir nichts geschadet, wenn ich auch heute sehe, dass die Diskussion damals zu kurz gekommen ist. Das war wohl noch nicht in Mode, wie heute. Die Oksböler Schulzeugnisse (mit Lagerstempel) habe ich gut aufgehoben.
Im Sommer liefen wir barfuß zur Schule denn die Holzschlorren mussten für den Winter geschont werden. Ich schloß mich eine Zeitlang einer Pfadfinder-gruppe an, als aber das Morse-Alphabet an die Reihe kam, gab ich auf.
Turn-Unterricht fand erst zuletzt in einer neuen Halle statt.
Natur
Im letzten Lagerjahr 1948 erlaubten die Dänen geschlossene Schulwander-tage außerhalb des Lagers. Ich besinne mich, dass wir ein paar Mal zu ei-nem schönen größeren See ein paar km weit wanderten, der einsam in ei-nem Hochmoor lag. Dort sammelten wir Pilze und Krähenbeeren; beides ist schmackhaft, vorausgesetzt, man hat Speck und Zucker. Speck gab es nicht, Zucker war knapp. Roh schmecken die Krähenbeeren wohl nur den Krähen, schön mit Zucker gekocht sind sie lecker. Im Herbst war alles lila von Erika, auch im Lager. Sonst blühten dort noch: Weidenröschen, Ginster, Wollgras und sogar Sonnentau. Erika-Ästchen in Zischken gesteckt (das sind die Kiefernzapfen) sehen niedlich aus, und wir verschenkten solche Blumenkörbchen gern zum Geburtstag. Man kann auch mehrere Zischken zuvor inein-anderhaken.
Im Lager gab es 2 Seen. Wir sagten: der Südsee und der Nordsee. (Auf dänisch: Faaresö und Prästesö) Im Nordsee konnten wir baden. Wir machten uns provisorische Bikinis: 1 Schlüpfer und oben ein Dreiecktuch mit Schnur als BH. Der Südsee war bis auf eine verlandende Bucht abgesperrt. Dort wuchsen Binsen, Torfmoos, Wollgras und Sonnentau. Aus den Binsen mach-ten wir Kinder uns Indianerhüte. Das war eine Zeitlang ganz modern („in“ würde man heute sagen). Es gab auch ein Badehaus mit großen Duschen. Barackenweise wurden wir dorthin bestellt. Eine Dusche für sich allein ergat-terte man aber selten. „Familienbetrieb“ herrschte nicht.
Eine weitere häufige Lagerblume war die blaue Lupine. Man durfte sie aber nicht pflücken, weil ihre Knolle das Erdreich zusammenhielt (so wie z.B. in Ostpreußen an der Steilküste bei Neukühren). Auch auf dem Lager-Friedhof wurden Lupinen gepflanzt. Im Sommer schimmerte der ganze Friedhof von weitem blau, im Herbst lila von Erika. Heute ist der Friedhof der Deutschen Kriegsgräberfürsorge unterstellt, die Hügel sind planiert, die Gräber mit Kreu-zen und Namen gekennzeichnet. Wir gingen damals oft auf den Friedhof. Ein junges Mädchen aus unserer ersten Baracke lag dort, auch das Kind einer entfernten Verwandten (die wir dort trafen) und der Mann einer guten alten Bekannten aus Königsberg (sie selbst war im Lager in Esbjerg). Wir pflegten das letztere Grab, weil die Frau aus Esbjerg nur selten herüberkommen konnte. Sie begleitete einige Male Kinder zum Arzt in Oksböl, so konnten wir uns dann treffen.
Im Prinzip waren wir ja eingesperrt. Aber in dem großen Lager Oksböl (in den „besten Zeiten“ mit mehr als 30.000 Personen) ist mir das nie zum Be-wusstsein gekommen. Eine Strecke quer durchs Lager dauerte zu Fuß und schnell mindestens 45 Minuten und ums Lager mindestens wohl 3 Stunden.
Die Lagerküche
Das Thema „Essen“ ist interessant, schon wegen der Lagerrezepte. Gehun-gert haben wir nur zeitweise, und zwar im Frühjahr und Sommer 1945, in den Wochen nach der Kapitulation. Damals streikten die Bäcker in Kopenhagen und die Dänen hatten selbst wenig zu beißen. Wie ich schon sagte, gab es im Lager 52 in Kopenhagen stets Eintopf, 5 x Gemüsesuppe die Woche, 2 x Milchsuppe. 2 x war die Dörrgemüsesuppe mit Fleisch gekocht, 3 x ohne. Brot war knapp, Pellkartoffeln gab es manchmal noch spät abends als Extra-Ration, große Knäckebrotscheiben schmeckten uns zwar, sättigten aber nicht. Die Milchsuppe mit Schiffszwiebäcken aus deutschen Wehrmachtsbe-ständen aßen wir Kinder gern (eventuelle Mehlwürmchen waren schon in der Küche abgeschöpft worden).
Im Lager 13 in der Holstengade in Kopenhagen besserte sich das Essen be-reits (das war im Herbst 1945). Es kam nicht mehr aus der Großküche, son-dern wurde in der Lagerküche von mehreren Frauen gekocht. Nur den Por-ree als Gemüse mochte keiner. Wir kannten ihn nicht und es fehlte wohl das Fett zum Abmachen. Sogar der dänische Lagerleiter gab zu, dies Grünzeug sei „ein menschenunwürdiges Essen“. Zum 11. Geburtstag im Oktober 1945 bekam ich „Plätzchen“, aus Weißbrot in Herzen- und Sternform ausgestochen, mit Margarine bestrichen und mit Zucker bestreut.
Mitte Dezember 1945 wurden wir nach Oksböl bei Esbjerg in Jütland umgesiedelt. Der Winter war milde, die Nachtfahrt mit der alten „Cimbria“ durch den Öresund eine Spazierfahrt - bis uns im Kattegat der Sturm packte. In Fredericia strahlte am Morgen die Sonne. In Oksböl haben wir noch im Dezember 1945 Heidekraut gepflückt. In Oksböl, dem früheren Truppenübungsplatz, gab es viele Großküchen. Sie hießen nach den Lagerblocks mit Großbuchstaben, z.B. F-Küche. Dort holten wir mittags in Konservendosen das warme Essen. Teller, Becher und Bestecks wurden verteilt. Wir hatten auch noch etwas Geschirr von zu Hause, soweit es nicht unterwegs zerbro-chen war. Beliebt war Erbsensuppe mit viel Speck, weniger erfreuten wir uns an Graupen oder Grützsuppe mit Dörrgemüse. Es gab jedoch auch, besonders sonntags, Kartoffeln, Gemüse, Fleisch und Soße, und es gab viel Fisch.
Kaltverpflegung (Wurst, Käse, Milch, Haferflocken, Brot, Zucker, Margarine) wurde in die Baracken geliefert und verteilt. Der Käse, meist ein harter, ziemlich flauer Schmelzkäse. Die Lagerwurst eine Art einfachster Fleischwurst, ohne Geschmack; aber mit gehackter Zwiebel schmeckte sie besser! Not macht erfinderisch, Rezepte wurden entdeckt: z.B. Lagerbutter, Lagerschmalz, Lagerschlagsahne, Lagertorte, Lagerkaffee, Lagerkonfekt. Südfrüchte gab es nicht, selten mal 1 Apfel. Milch wurde zugeteilt: für Kinder Vollmilch, für die Erwachsenen Magermilch. Vom Gemüseputzen in den Großküchen brachten die Mütter die Strunke vom Weiß- und Rotkohl mit. Überall sah man dann die Kinder knabbern; sicher war es gesünder als heute Kaugummi.
Rezepte:
Lagerbutter:
Weiche Margarine in eine Flasche, lauwarme Magermilch hinzu, verschlie-ßen und kräftig schütteln, bis sich alles zu „Butter“ vermischt hat.Käse aufbessern:
Den harten Käse reiben, mit Milch anrühren, salzen; spart auch Butter.Lagerschmalz:
Altes Weißbrot reiben, mit Zwiebeln und Salz rösten (wahrscheinlich etwas Wasser zufügen)Lagerschlagsahne:
Dicke Milchsuppe aus Magermilch mit geriebenen Kartoffeln oder Haferflo-cken kochen, unter Rühren erkalten lassen, dann lange schlagen. Es gibt sehr viel aus, schmeckt sehr gut. Zucker muß zuletzt untergeschlagen wer-den.Lagerhustensaft:
Kiefernnadeln waschen, hacken, mit etwas Wasser und Zucker lange ko-chen. Durchsieben. Es soll gut geholfen haben.Lagertorte:
Weißbrotwürfel rösten (ansparen, denn auf einmal konnte man nicht soviel Brot entbehren). Haferflocken mit Zucker rösten, mit Milch, wenn möglich etwas Kaffee, zu einem dicken Brei kochen. Geröstetes Weißbrot einrühren und diesen Pampel in eine kalt ausgespülte Schüssel gießen. Nach dem Er-kalten stürzen und mit Butterkrem verzieren; diese Torte schmeckt wirklich gut, es ist mehr ein Brotpudding.Lagerkaffee:
(sonst gab es nur Apfelschalentee, der in großen Kannen von der Küche zu holen war)
Schwarzbrot auf dem eisernen Stubenofen dunkelbraun rösten, aber nicht schwarz! Dann zerbröckeln und fertig war der „Kathreiner“. Einige Männer, die „draußen“ arbeiteten, kamen auch zu echtem Kaffee. Wir erhielten von einem Mann in unserer Baracke ein paar Mal echten Kaffeesatz, der 2. Auf-guß schmeckte auch noch prima. Kakao oder Schokolade gab es nicht.
Fisch konnte am Vorabend roh aus der Küche geholt werden. Nicht jeder Fisch schmeckt ja gekocht (z.B. lassen sich Scholle und Hering zwar kochen, haben dann aber keinen Geschmack). Das Fett zum Braten mussten wir uns absparen. Die Großküchen gaben mittags den Fisch nur gekocht aus. Die Küchenfrauen brachten vom Fischeputzen oft Fettstücke der Seekatzen, Makrelen und Dornfische mit, auch Rogen. Fischfett war zum Fischbraten gut geeignet, für Kartoffelpuffer weniger, aber wir waren dazumal nicht übertrieben. Dornfische mit grünen Gräten und langen Schnäbeln, buntgescheckte Makrelen und Seekatzen (Kotelettfisch) kannten wir Ostpreußen und Pommern vorher nicht. Die Küchenfrauen berichteten, wie gräulich die See-katzen im ganzen aussähen. Wir bekamen sie nur als Karbonade zu Gesicht. Sie schmeckten auch gekocht prima. Wir trafen im Lager eine entfernte junge Verwandte mit ihrem viel älteren lungenkranken – aber ausgeheilten – Mann mit ihrem kleinen Sohn. Der Mann war sehr praktisch und geschickt. Sie bewohnten zunächst einen früheren Schießstand, den er umgebaut hatte. Daneben errichtete er einen Räucherofen. Auch uns hat er gern die Fische geräuchert. Wir mussten ihm nur das Brennmaterial dazu bringen, und das war knapp. Stundenlang habe ich Ästchen, Tannen- und Kiefernzapfen ge-sucht, Tannennadeln aufgehackt, aber dasselbe taten zu viele. Schließlich traten Erosionsschäden auf, denn die Flüchtlinge fällten auch zahlreiche kleine Kiefern; von anderen wurden die unteren Äste abgerissen, soweit wir mit Haken hinlangen konnten, das ging bei Frost besonders gut. Die Schäden in der Natur waren schließlich unübersehbar, Sandstürme setzten ein. Zuletzt wurde wieder aufgeforstet, Reisig gelegt und vorerst Strandhafer gesetzt. Auch die Flüchtlinge mussten mithelfen. Zum Heizen und Kochen wurde Torf zugeteilt, aber er reichte nie hin. Die Torflager waren umzäunt und wurden streng bewacht. Unsere energische Stubenälteste konnte öfter ein paar Ei-mer Torf-Grus zusätzlich erbetteln . Im strengen Winter 1946/47 verheizten wir auch die hölzernen Fensterläden. Natürlich wurde es dann in den Stuben noch kälter. Wer nichts zu tun hatte, blieb damals einfach im Bett.
Wieder zur Küche: Kartoffeln konnte man am Vorabend roh abholen, selbst Salzkartoffeln kochen oder Puffer backen (vorausgesetzt, man hatte genug Fett gespart). Kartoffelpuffer, Lagerschlagsahne und Lagerkaffee waren zum Geburtstag sehr beliebt, zur Abwechslung neben Lagertorte, versteht sich.
Lagerkonfekt:
Dauerlutscher oder Bonbons aus kandiertem Zucker und Haferflocken; Konfektkugeln aus Trockenmilch, Zucker und etwas Wasser (schmeckt gut).Milchsuppe/Graupensuppe:
Wurde meist mit geriebenen rohen Kartoffeln angedickt (spart Haferflocken); diese Suppe hat den Spitznamen „Zitterbrei“; Graupen nennt man auch „Kälberzähne“, mit Wasser und Gemüse gekocht ergeben sie den nicht sehr beliebten „blauen Heinrich“ (beim Kaltwerden färbt sich diese Suppe bläulich).
Mein Vater schrieb uns aus Rendsburg, wir sollten zufrieden sein. Ihm ging es in jenen Jahren vor der Währungsreform (Juni 1948) viel schlechter. Zu Kochfisch gab es bei ihm z.B. Grütze, Kartoffeln waren damals in Deutsch-land sehr knapp. Er hat damals oft sehr gehungert; wir in Oksböl nicht. Als wir im Oktober 1948 nach Rendsburg entlassen wurden, hatte sich die Ver-sorgungslage allerdings schon gebessert. Wir mussten uns damals erst wie-der daran gewöhnen, für Geld einzukaufen.
Lagermode, Spielzeug, Geschenke, kulturelles Leben
1945 gab es noch keine Lagermode, aber in den Jahren 1946-48 erwachten die Lebensgeister wieder. Wir wollten ja nicht bloß dahinvegetieren. Die alten Männer (die der Krieg verschont hatte) schnitzten aus Kiefernholz Sohlen für Holzpantoffeln. Sehr viele der Flüchtlinge stammten vom Lande (aus Ostpreußen und Pommern). Glücklich war der dran, der praktisch arbeiten konnte. Die feinen Stadtleute waren dem Spott der Landleute ausgesetzt. Unsere Nachbarin in der Baracke, eine alte Offizierswitwe, mußte sich sagen lassen: Mal sehen, ob die Alte das Holz auch mit Messer und Gabel anfasst. Sie war von zu Hause gewohnt, das Brot mit Messer und Gabel zu essen. Das trug ihr hier nur Hohn ein. Holzstämme zu zerhacken hatte sie nicht gelernt. Es wurde nämlich sog. Schwachholz zum Kochen zugeteilt. Es war natürlich nicht einfach, wenn 15 Personen aus den unterschiedlichsten Gesellschafts-schichten in einer großen Barackenstube hausen mussten. Im großen und ganzen vertrugen wir uns aber gut, ernsthaften Zank oder gar Schlägerein gab es nicht. Private Unterhaltungen konnte man nur im Freien führen.
Die Oberteile der Holzpantoffeln wurden aus Ledertaschen (glücklich, wer eine besaß) oder aus Drell (von Wehrmachtsbeständen) hergestellt und mit Nägeln am Holzunterteil befestigt. Die Holzsohlen wurden ringsum mit „Brandmalerei“ möglichst kunstvoll verziert. Schlichte Modelle zu tragen galt als phantasielos. Und je höher die Sohle, desto schicker! Zum Brennen wurden Drähte an einem Ende im Feuer glühend gemacht. Natürlich qualmte und stank es dann ganz schön, aber daran nahm keiner Anstoß. Aus Wehrmachtsbeständen wurde blau-weiß-kariertes Bettzeug verteilt. Daraus entstanden Blusen (und Oberhemden). Hübsche Muster in Kreuzstich aufgestickt, sahen sie nicht mehr so nach Wehrmacht aus. Stickfäden wurden auch aus verwendbaren Stoffresten ausgezogen. Neue Kartoffelsäcke aus Jute wurden verteilt. Daraus fertigten wir Beutel, Gürtel und Schürzen an. Heute heißt es wieder: Nimm Jute, nicht Plastik. Diese Jutesachen wurden hübsch bestickt, möglichst bunt, wenn es ging, auch Sackfäden wurden ausgezogen und lila gefärbt (womit, weiß ich nicht mehr). Binden erhielten alle Frauen. Der Zellstoff war gut zu gebrauchen, der Überzug wurde aufgerebbelt und das Garn zum Häkeln und Stopfen verwendet. Deckchen als Ge-schenke wurden gern aus Binden- oder Sackleinwandgarn gehäkelt oder gestrickt. Wolle war besonders kostbar. Zu klein gewordene Kindersachen wurden sorgfältig aufgerebbelt und neu gestrickt. Musterstricken stand ganz hoch im Kurs.
Mit der Unterwäsche sah es recht trostlos aus. Später, ab 1947, wurden Alt-kleiderspenden verteilt. Ich erhielt auch mal ein Kleid und eine Jacke. Gegen die häufigen Sandstürme - sie nahmen zu, je mehr die Flüchtlinge die Kiefernwäldchen abholzten - trugen wir alte Motorradbrillen aus Plastik aus Wehrmachtsbeständen.
Grüne Militärjacken (ohne Rangabzeichen) wurden verteilt und auch von den Frauen getragen. Kopftücher wurden nie unter dem Kinn geknotet, sondern stets zum Turban gebunden. Aus Kiefernwurzeln wurden Körbe geflochten. Zwei solche haben wir heute noch, sie sind unverwüstlich. Auch Schleudern machten wir uns aus Wurzeln und schleuderten kleine Stoffbälle möglichst weit.
So kommen wir zum Spielzeug:
Hohe Hüte flochten wir aus Binsen. Alle kleinen Kinder sollten Weihnachtsgeschenke erhalten. Ich bekam schon Weihnachten 1945 Pappbögen zum Ausschneiden mit Bildern und dänischen Fähnchen. In der Lagerwerkstatt entstanden später aus Holz Spielsachen für die Kleinen. Meine Mutter fertigte 1 Dutzend Püppchen aus Sackgarn an. Die Gesichter und Kleidchen bestanden aus Stoff. Ich fand sie süß. Sie waren für die Holzschaukeln und Puppenbettchen bestimmt, die die kleinen Kinder zu Weihnachten erhielten.
Das kulturelle Leben blühte, das kann man wohl sagen, auch ohne Funk und Fernsehen. Zuletzt erschien sogar monatlich eine Lagerzeitung. Um Nachrichten zu hören, konnten wir aber abends auf den Hof unserer Blockküche gehen, wo sie über Lautsprecher verlesen wurden.
Gottesdienste beider Konfessionen wurden abgehalten, Einsegnungen fan-den statt, Laienprediger erfreuten sich guten Zuspruchs. Weihnachten erhielt jede Baracke einen Tannenbaum und 2! Lichte.
Der Kelch-Chor (so genannt nach seinem Leiter) war eine große Chor-Gemeinschaft und gab oft Konzerte im Freien.
Im großen Lagerkino wurden viele Filme vorgeführt. Die Karten wurden zugeteilt, aber erst für Lagerbewohner ab 14 Jahren. So oft wie damals sei sie nie im Kino gewesen, sagte meine Mutter.
Es bildete sich auch eine Theatergruppe, die schöne Stücke, auch Weihnachtsmärchen, aufführte.
Musik- und Vortragsabende gab es in den Sälen der Blockküchen. Dort fanden auch die beliebten Barackenfeste statt, natürlich tanzten Frauen mit Frauen. Unsere entfernten Verwandten, die wir dort getroffen hatten, schlossen sich einer Laienbühne an. Mit dem Erfolgsstück „Krach um Jolanthe“ durften sie sogar auf „Tournée“ in andere Lager in Jütland fahren. Wir betreuten derweil ihren kleinen Sohn.
Diese Verwandten gründeten ein eigenes Kasperle-Theater. Er baute die Bühne, formte die Puppen. Aus einer sehr haltbaren Mischung aus Zeitungspapier, Kleister und Wasser stellte er Pappmascheé her. Sie zog die Puppen an und fertigte die Gesichter, schrieb auch die Stücke. Bei dieser Bühne wurde ich angestellt. Ich sagte schon als Kind gern und gut Gedichte auf, sprach laut und deutlich. So konnte ich die Rollen der Gretel und Prinzessin sprechen, die ja nie fehlen. Wir spielten für die Kinder, in den Küchen, auch in Krankenhäusern. Einmal fuhren wir sogar mit der Kasperbühne nach Bla-Kasperbühne nach Blavand. Es machte mir großen Spaß. Meine Schwester war in jenen Jahren lange krank. Sie hatte sich durch die Flucht eine Lun-genkrankheit zugezogen, die sie aber später völlig auskurierte. Sie war in Oksböl viel im Krankenhaus. Ich erinnere mich, dass wir auch auf ihrer Station Kasperle gespielt haben. Vor Hexe und Teufel hatten viele Kinder schreckliche Angst. Wer so wie ich hinter der Bühne saß, konnte das gar nicht verstehen.
Denken Sie nun nicht, lieber Leser, dass unser Lagerleben voller Romantik war. Ich wollte aber zeigen, wie Gott uns durch diese Jahre geführt hat, dass es uns damals eigentlich gar nicht so schlecht ergangen ist und dass Notzeiten in Menschen Talente hervorrufen, die in besseren Jahren nicht geweckt worden wären.
Nachsatz:
Anfang Oktober 1948 konnten wir zu Papa nach Rendsburg in eine 1-Zimmer-Wohnung übersiedeln. Das war ein Fortschritt.
Nachträglich besehen, sieht unsere Reise 1945 von Königsberg nach Ko-penhagen (3 Personen, ohne Fahrscheine, ohne Fahrplan) wie ein vorge-zeichneter Weg aus, das war sie aber keinesfalls. Das Weiterkommen war stets zufällig, oder richtiger gesagt: Gottes Fügung !!
Ruth Henke, 9. September 1983